29. Januar 2022 / Aus aller Welt

60 Jahre Mode von Yves Saint Laurent

Am 29. Januar 1962 wird ein Meilenstein in der Modegeschichte gesetzt: Yves Saint Laurent präsentiert die erste Kollektion unter seinem Namen. Anlässlich des Jubiläums ehren ihn jetzt gleich sechs Pariser Museen mit Ausstellungen.

Designer Yves Saint Laurent (m.) mit Model Laetitia Casta (l.) und Schauspielerin Catherine Deneuve (r.) 2002 in Paris.

Schon zwei Stunden vor dem Beginn des Defilees sind die Straßen rund um die Rue Spontini verstopft. Vor der Hausnummer 30 bilden sich lange Schlangen.

Berühmtheiten wie die Schriftstellerin Françoise Sagan und die Tänzerin Zizi Jeanmaire bahnen sich ihren Weg in die erste Reihe. Von diesem 29. Januar 1962 erwarten viele Großes. Um 10.30 Uhr würde Yves Saint Laurent, das Wunderkind der Pariser Modewelt, die ersten Entwürfe seines Couture-Hauses präsentieren.

«Nude Look» und Safari-Stil

Die Kritiken zu seinem Debüt fallen allerdings durchwachsen aus. Das Große kommt später: Yves Saint Laurent wird den Smoking für Damen erfinden, den Safari-Stil populär machen, mit transparenten Stoffen dem «Nude Look» den Weg bereiten, die Werke großer Künstler wie Mondrian oder Picasso auf Kleidung übersetzen. Er wird die Art prägen, wie sich Frauen kleiden.

Yves Henri Donat Mathieu-Saint Laurent, so sein vollständiger Name, kommt am 1. August 1936 im algerischen Oran zur Welt. Schon als Kind begutachtet er die Kleider seiner Mutter und seiner Tanten, er liebt Bücher und das Theater, zeichnet. Es ist auch eine Flucht aus der Realität. Seine Mitschüler hänseln und verprügeln ihn. Sie spüren, was auch Yves Saint Laurent früh erkennt: Er ist homosexuell.

1953 nimmt er an einem renommierten Designwettbewerb teil, belegt den dritten Platz, übersiedelt nach Paris und wird 1955 Assistent beim berühmtesten Couturier jener Zeit: Christian Dior. Der erkennt und fördert das Talent. Und so wird Yves Saint Laurent mit gerade einmal 21 Jahren nach Diors Tod 1957 zu dessen Nachfolger ernannt.

Der Höhenflug endet abrupt, als er 1960 zum Militärdienst eingezogen wird. Der Designer zerbricht an der Härte des Kasernenlebens, kommt in die Nervenklinik, wird mit Medikamenten ruhiggestellt. Und er verliert seinen Job bei Dior.

Zu diesem Zeitpunkt ist bereits ein Mann an seiner Seite, der über Jahrzehnte dem fragilen Wesen Saint Laurents Halt und seiner schöpferischen Genialität Struktur geben wird: Pierre Bergé, Lebens- und Geschäftspartner in einem. Dass der Designer überhaupt ein eigenes Couture-Haus eröffnen kann, verdankt er ihm - Bergé akquiriert über einen Investor das Startkapital.

Wilde Party und heftige Abstürze

Doch der Status der Haute Couture bröckelt bereits. Pop-Art, Beatles-Mania, Swinging London: In den 1960er Jahren dürstet es die Jugend nach Neuem. Auch in der Mode. Die elitäre Maßschneiderkunst gilt ihr als dekadent. Saint Laurent passt sich an und eröffnet 1966 in Paris die erste «Rive Gauche»-Boutique. Unter diesem Namen hatte er eine Linie für hochwertige Konfektion, die Prêt-à-porter, lanciert. Später dringt er über die Vergabe von Lizenzen bis in den Massenmarkt vor. Selbst beim Textilgiganten C&A gibt es in den 80er Jahren Produkte mit dem berühmten Logo «YSL».

Immer wieder bricht Saint Laurent auch gesellschaftliche Tabus, wirbt zum Beispiel nackt für eines seiner Parfüms und arbeitet schon mit schwarzen Models, als noch niemand an Diversität denkt.

Ebenso legendär wie seine Mode ist sein Lebensstil. Er konsumiert Drogen und Alkohol, feiert wilde Partys. «Wir waren wie schreckliche und verwöhnte Kinder, die nur an sich und ihren Spaß dachten», erinnert sich Betty Catroux 2020 in einem Interview für «Die Welt» an die Zügellosigkeit jener Zeit. Das Model gehört neben Loulou de la Falaise und der Schauspielerin Catherine Deneuve zu den Musen des Designers.

Die Folgen solcher Exzesse: Angstzustände, Zusammenbrüche. Doch seine Fans halten ihm die Treue, auch als seine Kollektionen schon nicht mehr genial sind. «Einer der Schlüssel zu Saint Laurents kommerziellem Erfolg war es, Kleider zu kreieren, die die Frauen gern trugen», schreibt Alice Rawsthorn in ihrer 1996 erschienenen Yves-Saint-Laurent-Biografie. «Er zog seine Klientinnen nicht wie Lustobjekte an.»

Sechs Museen ehren YSL

Mit einem als Retrospektive angelegten Defilee im Centre Pompidou von Paris zieht sich Yves Saint Laurent am 22. Januar 2002 aus der Modewelt zurück. Andere Designer wie Tom Ford und Hedi Slimane werden künftig unter seinem Namen entwerfen. Seit 2016 heißt der Kreativdirektor des Labels Anthony Vaccarello.

«Im Grunde bin ich ein Kind geblieben, dadurch konnte ich immer wieder überraschen, mich und andere», findet Yves Saint Laurent 2000 in einem Interview mit dem US-Magazin «Talk» eine Formel für seinen Erfolg. Am 1. Juni 2008 stirbt er im Alter von 71 Jahren.

Wie bedeutend sein Wirken war, zeigt jetzt das Ausstellungsprojekt «Yves Saint Laurent aux musées». Gleich sechs Pariser Museen, darunter das Musée d'Orsay und das Musée du Louvre, widmen sich vom 29. Januar bis zum 15. Mai dem Schaffen des großen Couturiers.


Bildnachweis: © Jean-Pierre Muller/AFP/dpa
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